| Mormonen |
Der ZehntenmantelAus dem Leben von Edwar Stokes RichEs war im Dezember 1886, als Mary Ann Stokes Rich kummervoll zusehen mußte, wie ihr zehntes Kind mit dem Tod rang. Es war mit Rachitis zur Welt gekommen, weil die Mutter in der Schwangerschaft unterernährt gewesen war. Das Kind weinte schwach. Schwester Rich hatte unter ähnlichen Umständen schon vier Kinder begraben; nun hatte ihr Mann die Familie im Stich gelassen, und sie war mit sechs Kindern auf einer unproduktiven Farm in Cassia County in Idaho zurückgeblieben. Gramerfüllt kniete sich Schwester Rich hin. Sie wollte darum beten, daß ihr Sohn schnell stürbe, so daß ihm ein Leben in Leiden und Armut erspart bliebe. Statt dessen aber hörte sie sich selbst bitten, daß „ihr Sohn verschont würde, damit er ihr im Alter Trost und Segen brächte”. Ihr Gebet wurde erhört. Edward Stokes Rich wurde ein Mann, und als Schwester Rich alt und gebrechlich wurde, sorgte er für sie. Kurz nach Edwards Geburt zog Schwester Rich mit den Kindern nach Salt Lake City, wo sie als Hebamme. Köchin und Putzfrau arbeitete. Da ihr geringes Einkommen nicht für den Familienunterhalt ausreichte, verließ Edward im Alter von zwölf Jahren die Schule und fing an, beim „Salt Lake Tribune”, einer Tageszeitung. Nachtschicht zu arbeiten. Ein paar Monate darauf hatte Schwester Stokes von seinem Geld fünf Dollar Zehntengeld erspart. „Eddy”, sagte sie zu ihm, „ich habe deinen Zehnten noch nicht gezahlt. Du hast keinen Wintermantel und mußt jeden Abend ein gutes Stück zur Arbeit gehen. Im Winter wird es um vier oder fünf Uhr morgens bitter kalt sein, wenn du nach Hause gehst. Ich gebe dir das Geld, und du kannst damit den Zehnten zahlen oder einen Mantel kaufen. Ich überlasse die Entscheidung dir.” Er tat genau das, was sie erwartet hatte. Bruder Rich schrieb später: „Ich nahm das Geld, lief hinüber zum Haus des Bischofs und zahlte den Zehnten.” Eine Woche später kam seine Tante Mary zu Besuch und brachte einen Wintermantel mit, der einem ihrer Söhne zu klein geworden war. Er paßte Edward genau, und „es war ein besserer Wintermantel, als ich mir für fünf Dollar hätte kaufen können". Von diesem Tag an, schrieb er. war er beim Zehnten und bei anderen Spenden für die Kirche immer großzügig. Als Edward von seiner Mission heimkehrte, herrschte eine Wirtschaftskrise im Land, und es gab kaum Arbeit. Beinahe mittellos, fastete und betete er und hatte das Gefühl, er solle seine letzten zwei Dollar dem Bischof als Zehnten geben. „Bischof”, sagte er Ende November, „ich weiß. daß dieses Zehntengeld noch nicht fällig ist, aber ich hoffe, es wird noch vor Jahresende fällig sein." Am folgenden Tag machte Edward seine gewohnte Runde durch die Büros und Geschäfte von Salt Lake City, um Arbeit zu suchen. Er ging gerade aus dem letzten Büro, als ihn der Abteilungsleiter zurückrief und ihm sagte, es gäbe eine Stelle bei der Lokalzeitung in Price, Utah, etwa 200 km von Salt Lake City entfernt. Edward kam am nächsten Tag in Price an. Die Firma hatte ihm die Fahrt bezahlt. Bis Weihnachten hatte Edward mit Überstunden einundzwanzig Dollar fünfzig verdient — etwas mehr als die zwanzig Dollar, die er bereits verzehntet hatte. Er sagte: „Damit konnte ich Weihnachten feiern, wie ich es mir wünschte.” Solcher Glaube und Gehorsam, gepaart mit viel Fleiß. machten ihn zu einem erfolgreichen Geschäftsmann. Auch in späteren Jahren — als Witwer und Vater von zehn Kindern — bewahrte er sich seine Entschlossenheit. Als das letzte seiner Kinder halbwüchsig war, verliebte er sich in Leona Hyde. Weil er schon neunundfünfzig und sie neunzehn Jahre jünger war, zögerte er, um ihre Hand anzuhalten. Er hatte Zweifel. ob er in seinem Alter noch einmal eine Familie gründen sollte. Nachdem er aber gefastet und gebetet hatte, sagte er: „Ich erlangte absolute Gewißheit, so daß ich wußte: es war recht.” Auch hatte er das Gefühl, daß der Herr ihn lange genug leben lassen würde, um Nachwuchs großzuziehen. Das tat er denn auch; der Nachwuchs bin ich. In seinen Witwerjahren hatte mein Vater schwere finanzielle Einbußen erlitten, so daß er fast mittellos war, als er meine Mutter heiratete. Da er infolge eines Autounfalls Invalide war, konnte er seinen Beruf als Drucker nicht mehr ausüben und mußte verschiedene Arbeiten annehmen, die nicht gut bezahlt waren. Trotzdem hatte er nie gezögert. seinen Zehnten und seine Spenden zu bezahlen. Manchmal trug er Anzüge aus zweiter Hand anstelle der gut geschneiderten von früher. Doch durch Sparsamkeit und beträchtliche Opfer konnten er und meine Mutter schließlich ein bescheidenes Eigenheim kaufen und anfangen, für den Lebensabend zu sparen. Sogar in dieser finanziell schwierigen Zeit stellte ich fest, daß mein Vater oft ein paar Dollar mehr zahlte, als gefordert war, wenn der Bischof um Spenden für den Haushalts- oder Baufonds bat. Er war selbst jahrelang Bischof gewesen und wusste, daß diese Gelder dringend gebraucht wurden. „Der Herr läßt sich nichts schenken”, sagte er oft mit einem wissenden Lächeln. Vater arbeitete. bis er achtzig war und an Leukämie erkrankte. Er bekam einen Segen, daß er so lange leben würde, wie er das Leben genießen könne. Ein frohes Jahr erlebte er noch und freute sich im Frühling an jeder Tulpe und an jedem Krokus. Er hörte interessiert zu, wenn ich erzählte, was ich an der Universität lernte. Ich unterhielt mich gern mit ihm über Literatur und Astronomie, zwei seiner Lieblingsthemen. Am liebsten aber erzählte ich ihm, was ich in den Lehrveranstaltungen in Religion lernte. Als Bischof hatte Vater sich das Ziel gesteckt, täglich in der Schrift zu lesen. Achtunddreißig Jahre lang hatte er das Buch Mormon mindestens zweimal im Jahr gelesen, die anderen heiligen Schriften einmal. Als mein Vater zum zweiten Mal ins Krankenhaus kam, stellten ihm die Ärzte noch einige Monate Lebenszeit in Aussicht; darum wunderte ich mich, als er mir bei einem meiner Besuche sagte. er „ginge bald heim”. Eine Woche darauf verstarb er im Schlaf. Zuvor hatte er sein Zeugnis niedergeschrieben: „Ich habe festgestellt, daß der Herr mir immer alles zurückgegeben hat, was ich ihm gegeben habe. Nicht immer habe ich Geld zurückbekommen, doch ich habe festgestellt, daß der Herr sich nichts schenken läßt. Man kann nichts für ihn tun, ohne daß er einem viel zurückgibt und man sich immer als Schuldner fühlt.” Carol Rich Brown, Dezember 1982 6:59 PM - 30.3.2008
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