Mormonen

Dirks neuer Fußball

Posted in der Zehnte
Dirk lief über die kopfsteingepflasterte Straße. Nur noch zehn Franken, dachte er, dann hab ich's beisammen. Er bog in die Kerkstraat ein und blickte die Häuserreihe mit den kleinen Vorgärten und schwarzen Eisenzäunen hinab – typische Reihen häuschen, von denen es in Belgien unzählige gab, drei bis vier Stock hoch, und alle aneinandergebaut, wie ein einziges langes Gebäude.
Dirk öffnete das Gartentor des Hauses Nummer 27 und läutete an der Tür. Als er vor einem Jahr hier war, mußte er noch auf den Zehenspitzen stehen, um die Klingel zu erreichen. Aber inzwischen war er gewachsen und erreichte nun den Klingelknopf mühelos.
Drinnen hörte er es leise läuten. Über ihm ging ein Fenster auf, und eine alte Frau rief herunter: „Ach, grüß dich, Dirk. Korn binnen (Komm rein)!”
„Guten Tag, Mevrouw Peeters”, grüßte er, als er ins dritte Stockwerk hinaufgestiegen war. Sie reichte ihm einen Einkaufszettel und einen Geldschein.
Dirk machte für Frau Peeters oft Besorgungen, ging auf den groentemarkt(Gemüsemarkt), in die bakker (Bäckerei) und in viele andere Läden. Jede Woche gab sie ihm fünf Franken. Bei diesen Botengängen kam er fast immer an seinem Lieblingsladen, einem Sportgeschäft, vorbei, wo er jedesmal stehenblieb und ins Schaufenster starrte.
Der glänzende, weiße Fußball war immer noch da. Ein ganzes Jahr sparte er schon dafür. Bald würde in der Kleinstadt im Norden von Belgien, wo Dirk wohnte, der Winter beginnen, aber das würde ihn nicht davon abhalten, seinen Lieblingssport zu betreiben. Immer wenn er an dem Laden vorüberkam, fürchtete er sich ein wenig vor dem Blick ins Schaufenster – er hatte Angst, der Ball könnte verkauft worden sein.
Wenn ich heute mit dem Einkaufen fertig bin, fehlen mir nur noch fünf Franken, dachte er.
Dirk brachte Frau Peeters die Kartoffeln und den Blumenkohl, den sie bestellt hatte. Er spürte die Münze in der Hand und stellte sich vor, wie er seinen neuen Fußball ins Tor schießen würde.
Er lief nach Hause und zählte sein Geld. Jawohl, zweihundert Franken. „Wenn ich nun bis nächste Woche warte und den Zehnten erst dann zahle ... macht es wohl nichts”, überlegte Dirk. Er rannte die Treppe hinunter und zur Haustür hinaus. Bald würde der Fußball ihm gehören!
Aber während er so dahinsprang, mußte er daran denken, wie sehr sein Vater und seine Mutter immer darauf achteten, daß zuallererst der Zehnte gezahlt wurde, wenn sie Geld bekamen. „Irgendwie kommen wir immer über die Runden”, sagte Mama oft. Und Papa sprach wirklich mit Überzeugung, wenn er sagte: „Wir haben so viele Segnungen, und wir haben ein gutes Gefühl, wenn wir tun, was der Herr uns geboten hat. Wir tragen gern unseren Teil bei, damit das Werk des Herrn weitergeht.”
Dirk blieb stehen. Das Sportgeschäft war gleich um die Ecke. In seiner Phantasie trug er den Fußball schon unterm Arm. Aber ein Gefühl, das noch stärker war als der Wunsch nach dem Fußball, ließ ihn umkehren und nach Hause rennen. Er rechnete den Zehnten aus, den er zu zahlen hatte, und steckte das Geld in einen Umschlag. Am Sonntag würde er es dem Zweigpräsidenten geben.
Ein paar Tage später führte ihn ein Auftrag für Frau Peeters in eine andere Richtung als gewohnt, so daß er an dem Sportgeschäft nicht vorbeikam. Als er am nächsten Tag zu der alten Frau kam, sagte sie: „Ich brauch' noch ein paar Kartoffeln, Dirk. Holst du mir welche?”
Dirk nickte und rannte Ios, zum Gemüsemarkt.
Herr Vandecasteele packte die zwei Pfund Kartoffeln in Zeitungspapier ein. „Hast du das Geld für deinen Fußball schon beisammen?” fragte er.
„Morgen”, erwiderte Dirk, übers ganze Gesicht lachend. „Morgen bekomm' ich die fünf Franken, die mir noch fehlen.”
Auf dem Rückweg blieb er wieder vor dem Schaufenster stehen, um nach dem Fußball zu sehen. Der Ball war weg!
Die Tränen standen ihm in den Augen, als er sich enttäuscht zum Gehen wandte.
Als er zu Frau Peeters kam, sagte sie: „Ach, Dirk, ich hab vergessen, daß ich noch drei Grapefruits brauche. Würdest du nochmal zum Markt laufen und mir welche holen? Ich geb dir dann dein Geld schon heute statt morgen, ja?”
Dirk nahm die fünf Franken und machte sich auf den Weg. Was hilft mir das Geld, jetzt? Der Fußball ist sowieso weg, dachte er, als er langsam zurück zum Markt trottete.
Als er sich aber dem Sportgeschäft näherte, wurde sein Schritt schneller. Er wollte wegsehen, aber da war etwas im Schaufenster, was seinen Blick anzog: Ein neuer Fußball, besser, als er je einen zuvor gesehen hatte. Und er war nur ein ganz klein wenig teurer als der, für den er gespart hatte. Es würde nicht lang dauern, dann hatte er das Geld für den neuen beisammen.
Jetzt war er froh, daß er nicht den Ball gekauft, sondern den Zehnten gezahlt hatte. Aber noch besser war das gute Gefühl, das ihn erfüllte.
Dirk rannte so schnell die Kerkstraat entlang, daß er ganz außer Atem war, als er Frau Peeters die Grapefruits reichte. „Bin ich froh, daß ich noch gewartet habe!” sagte er, halb zu sich selbst.
„Was sagst du?” fragte sie und sah ihn verdutzt an.
„Ich hab' ein gutes Gefühl, so, wie mein Papa gesagt hat”, erklärte Dirk der alten Frau. Dann sprang er glücklich die Treppe hinunter.
Leo D. Hall, Kinderstern November 1987

2:43 PM - 9.5.2008


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